Weimarer Republik und Nationalsozialismus (1918 - 1945)

Die Königin-Luise-Schule in der Zeit des Nationalsozialismus

 

Die Zeit des Nationalsozialismus ist die mit Abstand problematischste für die Erforschung der Schulgeschichte. Dies liegt zum einen in der Sache begründet, ist aber vor allem auch eine Frage der Überlieferung.

Wirklich gesicherte Informationen erhält man vor allem aus zeitgenössischen, schriftlichen, offiziellen Dokumenten: Schulakten, Zeugnislisten, Diensttagebüchern. Diese Unterlagen, die an manchen anderen Schulen noch vorliegen, sind bei uns aber fast vollständig im Krieg vernichtet worden. Das wenige, das den Krieg überstanden hatte, fiel dann dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln im Jahr 2009 zum Opfer und ist auf Dauer oder zumindest auf absehbare Zeit ebenfalls verloren.

Hinzu kommt, dass auch an der KLS – wie in vielen anderen Institutionen -  über lange Zeit die Phase  des Nationalsozialismus das geringste Interesse auf sich gezogen zu haben scheint, selbst in Zeiten, in denen Dokumente und Zeitzeugenaussagen, z.B. von noch aktiven Kollegen, verfügbar gewesen wären. So wissen wir interessanterweise über das Kaiserreich teilweise deutlich mehr, obwohl diese Zeit viel weiter zurückliegt (vgl. dazu z.B. Festschrift 5ff.; Voss 256ff.).

Zeitzeugen gab es zwar und gibt es auch noch, doch nimmt zum einen ihre Zahl stetig ab – das ist der Lauf der Dinge. Vor allem aber sind Zeitzeugenaussagen in vielfacher Hinsicht sehr problematisch. Jede Wahrnehmung ist an sich schon höchst subjektiv, das gilt auch für uns heute im gleichen Maße. In der Rückschau über Jahre oder sogar Jahrzehnte verschwimmt aber vieles in der Erinnerung und wird – gerade für die Zeit des Nationalsozialismus – bewusst oder unbewusst in vielfacher Hinsicht verzerrt oder verfälscht. Daher ist der Aussagewert von Zeitzeugenaussagen in der historischen Forschung sehr umstritten und sie werden nur mit größter Vorsicht verwendet. Zwei Beispiele mögen dies für unsere Schule verdeutlichen.

„An der KLS war der Nationalsozialismus überhaupt nicht spürbar“ – so die sinngemäße Aussage einer ehemaligen Schülerin aus einemAbiturjahrgang der 40er Jahre. So erfreulich das wäre – in dieser Form erscheint es kaum glaubhaft. Auch an der KLS wird man mindestens getan haben müssen, was Gesetzeslage war, und das war viel. Hitlerbild im Klassenraum, Stundenbeginn mit Deutschem Gruß, Feier- und Gedenktage zu „Führers Geburtstag“ (20. April), dem Tag der “Machtergreifung” (30. Januar) oder dem “Gedenktag für die Gefallenen der Bewegung” (9. November), Propagandaveranstaltungen in der Aula mit Radioübertragungen von Reden Hitlers, Goebbels‘ oder des Erziehungsministers Rust, offen getragene Parteiabzeichen, Zwangsmitgliedschaft der Lehrer im NS-Lehrerbund, ab 1936 der Schülerinnen im BDM, Rassenkunde im Biologieunterricht, NS-Liedgut auf Wandertagen – und immer wieder politische „Schulungen“ von Schülerinnen und Lehrern (dazu insgesamt Trapp 4ff.).

Eine andere Schülerin, ebenfalls aus einem Abiturjahrgang der 40er Jahre, berichtet dagegen, an der KLS seien viele Lehrer Nazis gewesen, viele Schülerinnen und Lehrer seien in Uniform in der Schule erschienen, und es habe massiven politischen Druck gegeben. Schon die Diskrepanz zur ersten Aussage zeigt, wie subjektiv Wahrnehmung oder Erinnerung sein können. Aber auch an dieser zweiten Aussage lässt sich zweifeln. Im Jahr 1935, als die Mitgliedschaft in den NS-Jugendorganisationen noch nicht gesetzlich vorgeschrieben war, waren 60% der KLS-Schülerinnen im BDM. Dies erscheint viel – aber in der Relation wirkt es anders: Andere Schulen erreichten schon viel früher eine sehr viel höhere Quote von 80, 90 oder 95% (vgl. Trapp 61ff., 74f.). Auf einem Schulfoto aus dem Jahr 1936 trägt keines der Mädchen BDM-Uniform – vielleicht kein Zufall. Und es ist sicher, dass noch bis1938 jüdische Mädchen die KLS besuchten – an manchen anderen Schulen hatte man sie bereits hinausgeekelt und rühmte sich zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt, dass die eigene Schule „judenfrei“ sei.

Welche Ausprägung der Nationalsozialismus an der KLS nun tatsächlich hatte und wo zwischen den beiden Extremen sie einzuordnen ist – dies zu ergründen, dürfte außerordentlich schwer werden. Vielleicht werden wir einer Antwort irgendwann näher kommen, doch kann dies nur auf der Basis einer großen Zahl von Detailstudien erfolgen, die teilweise bereits in Arbeit sind oder noch geleistet werden.

Eines steht aber außer Frage. Auch an der KLS wurden alle jüdischen Mitglieder der Schulgemeinschaft vom ersten Tag der NS-Diktatur an zu Opfern, mit allen schrecklichen Konsequenzen. Schon jetzt können wir an allen wesentlichen Stationen und Orten des Holocaust auch aktuelle oder ehemalige jüdische Schülerinnen, Lehrerinnen und ihre Familien nachweisen: Viele wurden ermordet in Konzentrationslagern wie Bergen-Belsen, Dachau oder Theresienstadt, in den Ghettos von Warschau, Lodz oder Riga, in den Vernichtungslagern Auschwitz, Belzec und Sobibor.

Nicht vergessen darf man, dass diesem einzigartigen Verbrechen ein ebenso beispielloses Geschehen vorausging: Dass sich ein Staat gegen eine Minderheit seiner eigenen Bevölkerung wendet und sie mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft, demütigt, ausgrenzt, entrechtet, ihre soziale und wirtschaftliche Existenz vernichtet, sie zur Flucht zwingt und schließlich – auf dieser Basis erst möglich – ermordet.

Aus diesem Grund werden wir die Lebens- und Leidensgeschichten aller ehemaligen jüdischen Schülerinnen und Lehrkräfte der KLS erforschen und dokumentieren und Stolpersteine auf dem Schulgelände verlegen lassen für alle, die sich nach dem 30. Januar 1933 noch in Deutschland befanden. Denn sie alle müssen zwangsläufig zu Opfern geworden sein. So können wir unseren Teil dazu beitragen, ihnen wenigstens ein  Stück ihrer Identität und damit ihrer Würde zurückzugeben, und sie mahnen uns, gegen jede Form von Ausgrenzung und Rassismus vorzugehen, und zwar vom ersten Moment an.

Doch es gab auch andere Opfer an der KLS, die durch eigenes oppositionelles Verhalten oder das ihrer Eltern  vom NS-Regime verfolgt, in ihrem Lebensweg beschädigt und an Leib und Leben bedroht wurden. Auch ihrer werden wir in der gleichen Form gedenken, und sie sollen uns Vorbild sein für Mut und Zivilcourage.

Zu „Opfern“ wurden schließlich auch alle anderen - wenn auch auf ganz andere Weise und aus anderen Gründen, nämlich durch die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges als Folge und Ergebnis der zuvor von weiten Teilen der Bevölkerung gutgeheißenen NS-Diktatur (dazu im Folgenden Voss 274ff.).

Zunächst waren die Auswirkungen noch mittelbar – starke Präsenz von Militär in der Stadt, Begegnung mit Verwundeten, materielle Einschränkungen, Sammlungen von Wertstoffen und Metall (z.B. Türklinken und Fenstergriffe aus der Schule), Brand- und Luftschutzübungen. Doch sehr bald bekam man die unmittelbaren Auswirkungen des Krieges zu spüren, vor allem in Form der immer stärker werdenden alliierten Luftangriffe. Der Keller wurde „zur zweiten Heimat”, in der Schule wie auch zu Hause, 1944 wurden sogar die Abiturprüfungen durch einen Luftangriff unterbrochen – und anschließend fortgesetzt. Eine Zeitzeugin berichtet, wie sie auf dem Schulweg erleben musste, dass ein abgeschossenes deutsches Flugzeug am Rheinufer in Bayenthal in die Warteschlange an der Bahnhaltestelle stürzte, mit Toten und Verletzten. Nicht viel später verlor ihre Familie den gesamten Besitz, als ihr Elternhaus durch einen Bombentreffer zerstört wurde. So erging es vielen, und für manche waren die Folgen noch schlimmer, denn es gab auch Tote unter den Schülerinnen und der Lehrerschaft der KLS. Eine Schülerin starb, als ein Luftschutzbunker am Chlodwigplatz einen Volltreffer erhielt, eine Lehrerin verlor ihre Schwester und die gemeinsame Wohnung mit ihrem gesamten Besitz.

Auch die Schule wurde mehrfach getroffen, der Unterricht in dem beschädigten Gebäude im Erdgeschoss notdürftig aufrechterhalten. Erst im Juni 1943 wurde das Gebäude völlig zerstört, ab jetzt nutzte die KLS die Räumlichkeiten der benachbarten Jawne, nachdem diese Schule geschlossen worden war und man alle jüdischen Schüler und Lehrer nach Minsk deportiert und ermordet hatte.


St. Apernstraße 1944

Im Juni 1944 schließlich wurden alle Kölner Schulen auf Anweisung der Gauleitung geschlossen und durch die “Kinderlandverschickung” aus der Reichweite der alliierten Bomber gebracht. Die komplette KLS wurde nach Bansin auf der Insel Usedom verlegt. Allerdings weigerten sich viele Eltern, ihre Töchter gehen zu lassen, und viele waren bereits aus Köln geflohen. “Die ganze KLS” -  das waren noch etwa 250 Schülerinnen, 15 Lehrkräfte und der Direktor samt Familie. In Bansin war man zwar vor Luftangriffen zunächst weitgehend sicher, dafür war ein regulärer Schulbetrieb natürlich kaum möglich. Vor allem aber stand ein harter Winter vor der Tür, mit Mangel an Brennstoff und Nahrungsmitteln, in nicht wirklich wintertauglichen Unterkünften. So wurden zahlreiche Schülerinnen noch im Herbst wieder zurückgeholt.

Der Rest geriet schließlich im Frühjahr durch den Vormarsch der Roten Armee in unmittelbare Gefahr, im letzten Moment gelang Anfang März die Flucht nach Kellenhusen in Schleswig-Holstein, wo man das Kriegsende erlebte.

Dort war man allerdings aufgrund der Zerstörung der gesamten Infrastruktur, aller Nachrichten- und Transportmittel völlig abgeschnitten; zudem verweigerten die britischen Besatzungsbehörden die schnelle Rückkehr nach Köln. Erst Mitte Juni konnten die Eltern darüber informiert werden, dass überhaupt die Flucht aus Bansin gelungen war. Und erst Ende Juli – fast drei Monate nach Kriegsende – gelang es durch private Initiative, mit ein paar LKWs der Stadt in einer zweieinhalbtägigen Fahrt nach Köln zurückzukehren.

 

Literatur:

Festschrift zur Hundertjahrfeier der Städtischen Königin-Luise-Schule Köln, Köln 1971

Trapp, Joachim, Kölner Schulen in der NS-Zeit, Köln 1994

Voss, Ludwig: Geschichte der Höheren Mädchenschule, Opladen 1952

Alle Zeitzeugenaussagen finden sich auf der Homepage des NS-Dokumentationszentrums (http://www.eg.nsdok.de/) oder liegen als Scripte in der KLS vor.

 

 

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