Studienfahrt des Abiturjahrgangs 2018 nach Krakau und Auschwitz

Studienfahrt des Abiturjahrgangs 2018 nach Krakau und Auschwitz

Im Juni 2018 haben sich 24 Schülerinnen und Schüler des aktuellen Abiturjahrgangs auf Studienfahrt nach Krakau begeben. Die Initiative dazu entstand aus dem Jahrgang selbst, in dem sich fast alle Kurse auf unterschiedliche Weise, aber gleichermaßen intensiv mit der NS-Diktatur und dem Holocaust auseinandergesetzt hatten: die regulären Grund- und Leistungskurse in einem umfassenden Zugriff, der Zusatzkurs mit Spezialuntersuchungen zu den Täterprofilen, der Projektkurs mit der Erforschung von Lebensschicksalen ehemaliger jüdischer Schülerinnen der KLS.

So war diese Fahrt auch für alle geöffnet, ausschlaggebend war nur das Interesse – und nach Aussage der Beteiligten hat diese Mischung der Perspektiven und Vorkenntnisse die Fahrt sehr bereichert.

Im Zentrum einer solchen Studienfahrt steht natürlich ein Besuch der Gedenkstätte im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Krakau hat jedoch wesentlich mehr zu bieten, sowohl zum Thema als auch darüber hinaus.

Davon – von allen schönen und interessanten Eindrücken, aber auch von der Wirkung der direkten Konfrontation mit dem Unvorstellbaren in Auschwitz und den Schlüssen, die jeder für sich daraus zieht – mögen im Folgenden einige Stellungnahmen der Teilnehmer selbst zeugen.

Einen Beitrag möchten wir in voller Länge bieten, denn er verdeutlicht in besonderer Weise, was wir als Schule mit einer solchen Fahrt erreichen möchten – oder vielleicht besser: was wir an Eindrücken, Erfahrungen und Erkenntnissen ermöglichen möchten. Diesen Beitrag finden Sie hier („Auschwitz und ich“).

Abschließend möchten wir uns bei allen Teilnehmern ganz herzlich bedanken für eine in jeder Hinsicht gelungene und gewinnbringende Studienfahrt, und wir hoffen, dass auch zukünftige Jahrgänge von diesem Angebot Gebrauch machen werden.

Unser besonderer Dank gilt den Teilnehmern auch dafür, dass sie sich in einer Gemeinschaftsaktion dazu entschlossen haben, die Arbeit der Gedenkstätte Auschwitz mit einer Spende in Höhe von mehreren Hundert Euro zu unterstützen.

„Ich wollte bei dieser Fahrt dabei sein, um mir selbst ein Bild von Auschwitz zu machen. Über die vielen Jahre in der Schule hinweg hat man oft das Thema Nationalsozialismus und die Judenverfolgung durchgearbeitet, doch eine ganz detaillierte Vorstellung hatte ich trotzdem nicht, da der Unterrichtsinhalt immer nur über bestimmte Themen aufgeklärt hat und ich zusätzlich leider nicht am Projektkurs teilnehmen konnte.“ (Linda)

„Im Unterricht habe ich immer wieder von dieser einen Zahl gehört: Sechs Millionen ermordete europäische Juden. Diese Zahl ist so unglaublich hoch, dass die Ausmaße einem nicht bewusst werden. Zudem lässt sie die Opfer zu einer unpersönlichen Masse verschwimmen, obwohl jeder von ihnen ein eigenes Schicksal hatte. Dagegen arbeitet der Projektkurs, indem jedes einzelne Leben von ehemaligen jüdischen Schülerinnen rekonstruiert wird. Hier habe ich einen groben Eindruck von den einzelnen Schicksalen bekommen.“ (Mila)

„Krakau ist für mich vieles. Wunderschöne Altbauhäuser, Pferdekutschen, Fahrten in schmalen Elektrowägelchen, kleine Vintageläden, leckeres Essen wie Piroggen oder gutes Bier in den Kellergewölben unter der Stadt.
Krakau ist für mich aber auch der alte jüdische Friedhof in Kazimierz, die Synagoge, welche von den Nazis als Pferdestall benutzt wurde, das Museum in der Emaillefabrik Schindlers und eben auch Auschwitz-Birkenau.“ (Carlotta)

„Neben vielen erlebnisreichen Nachmittagen, an denen wir die Schönheit Krakaus bestaunen konnten und diese Stadt, in der man sich einfach sofort wohlfühlen muss mit all ihren kleinen gemütlichen Cafés, herrlich ramponierten Altbauten und lebhaften Plätzen, erkunden durften, ist ein Besuch dort natürlich auch unweigerlich verbunden mit einer intensiven Auseinandersetzung mit der Historie dieser Stadt zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges.

Dazu gehörte zum Beispiel ein Besuch im Galicia Jewish Museum und in den Synagogen Krakaus. Für mich war dies besonders interessant, da man dort vor allem viel über die jüdische Kultur und Religion erfuhr.

Über den Holocaust und die schrecklichen Verbrechen zu dieser Zeit lernt man bereits in der Schule viel, aber über die jüdische Kultur Europas, wie sie zu Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg existierte, geht es nur selten und diese geht meiner Meinung nach eher unter. Steht man aber in einer der Synagogen Krakaus, die heute kaum noch genutzt werden, beginnt man zu verstehen, wie der Holocaust die fast gänzliche Auslöschung des jüdischen Lebens in dieser Stadt und auch überall sonst bedeutete.” (Linn)

„Ich werde niemals den Anblick des kleinen, so harmlos aussehenden Lederbeutels im Schindler-Museum vergessen. Dieser würde sich auch gar nicht groß von anderen unterscheiden, wenn nicht die Worte „aus echtem Menschenleder“ in silberner, verschnörkelter Schrift auf ihm stehen würden. Dieses und ähnlich verstörende „Ausstellungsstücke“, wie die Berge von Haaren, welche man in Auschwitz sehen kann, lösen in mir immer noch Gefühle des Schreckens, des Unverständnis, des wie-kann-jemand-im-Stande-sein-so-etwas-zu-tun aus. Was müssen das für Menschen sein, die solch einen Lederbeutel besitzen?“ (Carlotta)

„Unser Besuch in Auschwitz-Birkenau fing schon früh morgens an. Zuerst stand das Stammlager auf dem Plan. Am eindrucksvollsten und erschreckendsten für mich waren hier zum einen die Verbrennungsöfen im Krematorium 1 und die Überreste aus dem Lager „Kanada“ - also die Besitztümer der ermordeten Juden. Am schrecklichsten war für mich der riesige Berg an Haaren und Schuhen. Auch wenn das nur ein Bruchteil von dem war, was die Nazis gesammelt und weiterverwendet haben, wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, welche Ausmaße der Holocaust hatte. Diese Bilder sagen so viel mehr als die Zahl sechs Millionen: sie zeigen die Menschen.

Die Führung durch das Konzentrations- und Vernichtungslager Birkenau, welches sich schier ins Unendliche zu erstrecken scheint, hat noch mehr Trauer und Betroffenheit in mir ausgelöst. Als wir die Rampe, an der die Viehwaggons aus ganz Europa mit hunderttausenden Juden ankamen, in Richtung der Gaskammern gegangen sind, musste ich an alle denken, die vor rund 70 Jahren hier in ihren Tod gegangen sind. Was haben sie gefühlt? Erleichterung, weil sie der erstickenden Enge der Viehwaggons entkommen sind? Angst vor der Zukunft? Die Antwort werden wir nie erfahren.

Besonders getroffen hat mich auch die Wand mit den Bildern von den Juden, die ihren Tod in den Gaskammern gefunden haben. Sie zeigen Menschen, die mitten im Leben stehen und dieses noch lange hätten fortführen können. Es gab zwischen ihnen keinen Unterschied zu allen anderen: man sieht ein glückliches Paar am Tag seiner Hochzeit; Kinder, die Schlittschuh laufen; Klassenfotos oder Familienfotos. Alle Leben ausgelöscht.“ (Mila)

„Später erwähnte unser Guide nebenbei, dass in einem kleinen See, an dem wir vorbeigingen, die Asche und die Knochen von 100.000 – 200 000 Menschen liegen. Das sind ungreifbare Zahlen. Ich schaffe es, mir eine Klasse mit 33 Kindern vorzustellen oder vielleicht noch eine Schule mit ca. 800 Schülern, aber wie soll ich mir 100.000 – 200 000 Menschen vorstellen, deren Asche in einem so winzigen See liegt? War darunter vielleicht auch die Asche von einem der vielen Menschen, deren Bilder an der Fotowand hingen, die am Ende des Rundgangs durch die Sauna stand?”    (Inola)

„Die Führung in Auschwitz war sehr interessant gestaltet und gleichzeitig auch schockierend. Ich finde es immer noch erschreckend, was für ein Leid die Menschen anderen zufügen konnten, wie sie eiskalt und ohne Reue oder Scham zu spüren Frauen, Männer und sogar Kinder gequält und ermordet haben. Ich bin durch die Räume gegangen und konnte nicht fassen, dass das alles wirklich passiert ist.

Deswegen fand ich es auch unmöglich, dass einige Besucher alles, was vor deren Kameralinse kam, fotografieren oder auf soziale Netzwerke stellen mussten. Es war einfach respektlos den Opfern gegenüber und ich persönlich wäre für ein gänzliches Fotografiever

„Die Sache mit dem Tourismus muss man immer im Kopf behalten, denn auch in Auschwitz wird eine Gruppe nach der anderen durchgeschleust und davon haben nicht immer alle den nötigen Respekt. So machen manche zum Beispiel Bilder von den Haaren und posten das dann in sozialen Medien oder sind völlig unpassend gekleidet. Über diese Unmöglichkeiten muss man einfach hinwegsehen, denn ein Besuch lohnt sich. Es ist etwas ganz anderes da zu sein, als davon in Büchern zu lesen.

Ich zum Bespiel werde diese Bilder und meine Gefühle nie wieder vergessen - und das ist auch gut so.“ (Mila)

„Der Abend war ein Kontrastprogramm zum Vormittag, aber wahrscheinlich das Beste, was man hätte machen können. Wir waren in einem Klezmer-Restaurant und haben nach jüdischer Art gegessen. Zudem spielten drei Musiker die traditionelle Klezmermusik. Der Abend verwandelte sich so in eine kleine Zeitreise in das jüdische Leben vor 1939 und hat somit dem Ziel der Nazis, die Juden und ihre Kultur ganz auszulöschen, entgegengewirkt. Auch wenn man dabei beachten muss, dass das alles nur noch touristisch ist, da die jüdische Gemeinde in Krakau fast nicht mehr existent ist.“ (Mila)

„Der Tag in der Gedenkstätte Auschwitz war eine sehr nahe gehende Erfahrung. Ein Besuch dort ist eine direkte und unvermeidbare Konfrontation mit dem Schrecken dieser Zeit und besonders als Deutsche sieht man sich vielen Fragen ausgesetzt, über die man sonst oft nicht nachdenkt.

Ich selber empfand es als schwierig den richtigen Umgang mit einer solchen Situation zu finden. Neben dem Unverständnis und dem Ekel darüber, was in Auschwitz passiert ist, kommen einem auch grundlegende Fragen in den Sinn. Ist es überhaupt angebracht an diesem Ort als Deutsche so etwas wie Betroffenheit zu fühlen? Inwiefern tragen wir heute noch Verantwortung für das, was dort passiert ist? Und wie kann ich schockiert und angeekelt sein in Anbetracht all der Gräueltaten, die dort geschehen sind, aber gleichzeitig mühelos in einer Welt leben, in der Menschenrechtsverletzungen auch heute noch zur Tagesordnung gehören?

Ich habe die Antworten auf diese Fragen in Auschwitz nicht gefunden, aber sie sich zu stellen ist meiner Meinung nach dennoch wichtig und ein Anfang, und Grund genug für jeden, einmal im Leben dorthin zu reisen.” (Linn)

„Ich persönlich hatte an diesem Tag in Auschwitz sehr oft das Gefühl, komplett überwältigt zu werden von den Emotionen und Eindrücken. Ich spürte vor allem natürlich Trauer, aber auch Wut, absolute Verständnislosigkeit und ein Gefühl der Machtlosigkeit. Es war für mich vor Ort unfassbar schwer einzusehen, an der Vergangenheit und dem grausamen Leid der Menschen nichts ändern zu können und „nur“ dafür kämpfen zu können, dass sie nicht in Vergessenheit geraten und, dass so etwas nie wieder passieren kann.“ (Jenny)

 

 

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