Bericht über die Z(w)eitzeugen-AG an der KLS

Bericht über die Z(w)eitzeugen-AG an der KLS

An unserer Schule gibt es seit Ende letzten Jahres eine Zweitzeugen AG, die von dem Verein Heimatsucher e. V. organisiert, geleitet und gestaltet wird. Heimatsucher e. V. trifft Holocaust-Überlebende, hört sich ihre Geschichten an und gibt diese an Schulklassen weiter. Um die Betroffenen besuchen zu können, legen die Mitglieder häufig weite Wege zurück und reisen bis nach Israel. Jeder, der heute einem Zweitzeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden. Die Beteiligten empfinden es als Ehre, sich als Zweitzeugen bezeichnen zu können. Denn diese leisten einen wesentlichen Beitrag gegen das Vergessen und für unsere Erinnerungskultur.

An der Zweitzeugen-AG haben sich mehr als 20 Schülerinnen und Schüler aus den Stufen 8 bis Q 2 beteiligt. In mehreren Seminarsitzungen sind wir von Mitarbeitern des Vereins selbst zu Zweitzeugen ausgebildet worden.

Zum Holocaust-Gedenktag am 26. Januar bei uns in der Königin-Luise-Schule haben wir dem Publikum unser Projekt präsentiert, haben exemplarisch zwei Lebensgeschichten vorgestellt, haben beschrieben, was wir gemacht haben, warum wir es gemacht haben und was wir in Zukunft gerne noch tun würden. Ich selbst habe darüber gesprochen, worin für mich die Bedeutung dieses Projekts liegt.

Dies möchte ich, auf Anregung durch Herrn Erkelenz als dem betreuenden Lehrer, im Namen aller Teilnehmer für die gesamte Schulgemeinschaft noch einmal wiederholen:

Wir alle haben davon gelesen, was die Juden in der Nazizeit durchlitten haben. Sie durften bestimmte Berufe nicht ausüben. Sie durften keine Schwimmbäder, Parks, Museen und Theater mehr besuchen. Sie mussten einen Judenstern tragen. Sie mussten sich zum „Arbeitseinsatz“ melden. Sie wurden deportiert. Sie wurden ermordet.

Das zu lesen, ist zutiefst verstörend. Aber es ist noch einmal etwas ganz anderes – etwas KOMPLETT ANDERES -, dies in persönlichen Lebensschicksalen nachzuerleben. Ein Schicksal wie das von Chava Wolf, deren Mutter sich im Lager die Goldzähne ausschlug, um an etwas mehr Essen zu kommen. Diese Geschichten weiterzugeben, darum geht es in der Zweitzeugen-AG. Denn natürlich gibt es heute, mehr als 70 Jahre nach Kriegsende, nur noch wenige, die davon erzählen können.

Wir selbst haben nicht direkt mit den Holocaust-Überlebenden gesprochen, denn, wie gesagt, es leben nicht mehr viele. Und die, die noch leben, wohnen meist nicht hier, sondern in Israel oder in den USA. Aber wir sprechen mit Zweitzeugen. Mit Menschen, die diese Berichte durchaus aus erster Hand von den Überlebenden bekommen haben. Über sie sind wir direkt mit ihnen verbunden. Die Zweitzeugen sind sozusagen das Scharnier zwischen den Verfolgten und uns, der nächsten Generation.

Ich hätte vorher nicht gedacht, dass die Erlebnisse der Betroffenen derart lebendig werden könnten. Da sind nicht nur die plastischen Schilderungen. Wir haben zum Beispiel auch Filme gesehen von bewegenden Begegnungen mit den Erstzeugen.

Ich bin überzeugt, die Bedeutung dieses Projekts ist kaum zu überschätzen. Natürlich, es gibt diejenigen, die sagen: „Lasst uns das doch jetzt in die Geschichte einordnen. Das ist Historie. Es gibt so viele Bücher, so viele Filme. Wozu immer noch mehr? Die Message ist angekommen!“

Ich glaube das nicht. Wir leben in einer Zeit von Fake News. In Charlottesville marschieren Neonazis auf, eine Gegendemonstrantin wird von ihnen getötet, und der US-Präsident sagt, die Gewalt komme von allen Seiten. Der AfD-Politiker Alexander Gauland sagt im Wahlkampf, die Deutschen sollten wieder stolz sein auf die Leistungen der Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg. Soldaten, die, wie wir wissen, oft direkt an Massenerschießungen, Razzien und anderen Völkermordverbrechen beteiligt waren. In den sozialen Netzwerken kann ich jeden Tag Postings von Schülern sehen, die Witze über Hitler und den Holocaust machen. Das zu tun, gilt bei vielen als cool. Ich bin mir sicher: Wenn diese Leute je eine einzige Schilderung wirklich intensiv an sich herangelassen hätten, würden sie solche Sachen nicht posten. Der Comedian Loriot, der in der Nazizeit aufwuchs, hat einmal gesagt: „Über Hitler Witze machen können nur Menschen, die das nicht selbst erlebt haben.“

Wenn ich Nachrichten schaue und mich bei Facebook oder Twitter umsehe, dann denke ich: Nein, es ist keineswegs alles längst bekannt. Und vor allem ist es überhaupt nicht sicher, dass es bekannt bleibt. Wir müssen dafür immer wieder neue Anstrengungen unternehmen. Wir müssen die Wahrheit über diese unfassbaren Dinge, die Menschen Menschen angetan haben, immer wieder neu in die Gesellschaft tragen. Wir müssen es weitergeben.

Dafür gibt es das Projekt Zweitzeugen. Ich bin froh, ein Teil davon zu sein.​

J. Driessen

 

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