Thea Schatz (geb. Zürndorfer)

Thea Schatz (geb. Zürndorfer)

von Paul Kühn

Wir haben im Projektkurs unter anderem nach ehemaligen jüdischen Schülerinnen gesucht, die die Königin-Luise Schule in den 1920er Jahren und während der NS-Zeit besucht haben. Dabei haben wir zwei Ziele verfolgt: Auf der einen Seite wollten wir mehr über die Vorgänge in unserer Schule im Dritten Reich erfahren. Andererseits wollten wir nicht nur die Namen ehemaliger Schülerinnen herausfinden, sondern den Schülerinnen und möglicherweise direkten oder indirekten Opfern der nationalsozialistischen Judenverfolgung ein Gesicht geben, indem wir versuchen, ihre Biografie zu rekonstruieren.

Da ein Name auf einer Liste einen nicht ansatzweise nachempfinden lässt, was vielen dieser Menschen und ihren Familien widerfahren ist, bemühen wir uns, Einzelschicksale zu beschreiben. Ein Foto von dieser Person, von dem Haus, in dem ihre Familie gewohnt hat, oder manchmal nur die Namen ihrer Verwandten geben diesem Menschen, der sonst in Vergessenheit geraten wäre, einen Teil seines Lebens wieder und etwas, an das man sich erinnern kann. Und das uns eine Mahnung sein kann.

Die ehemalige Schülerin der Königin-Luise Schule, Thea Zürndorfer, wurde am 24. Oktober 1908 in Ohligs bei Solingen geboren. Ihre Familie war jüdischen Glaubens. Ihre Eltern waren Bernhard (* 1876) und Rosalie Zürndorfer (geborene Feitler). Weitere Familienmitglieder wie etwaige Geschwister sind nicht bekannt.

Ihr Vater starb 1920 im Alter von 44 Jahren, als Thea ungefähr 12 Jahre alt war.

Zu ihrer Kindheit ist nichts bekannt, jedoch hat sie 1928 ihr Abitur an der Königin-Luise Schule bestanden. So steht es im Jahresbericht der Königin-Luise-Schule für das Schuljahr 1927/28. Hier ist auch ihr Berufswunsch zum Zeitpunkt des Abiturs vermerkt: Thea wollte Zahnmedizin studieren. Darüber hinaus gibt es keine weiteren Informationen zu ihrer beruflichen Laufbahn.

Sie muss dann innerhalb des folgenden Jahres nach Großbritannien ausgewandert sein. Aufgrund der von mir recherchierten Dokumente heiratete sie Isaac Schatz (Shortt) im Jahr 1929 in Birmingham, England. Dort waren sie unter der folgenden Adresse gemeldet: 6 Carisbrooke Road Birmingham.

Aus diesen Informationen geht hervor, dass Thea Zürndorfer (zumindest nicht direkt) von den Einschränkungen und Verfolgungen der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten betroffen war. Sie ist ausgewandert, bevor das NS-Regime an die Macht kam. Ihre Mutter ist unter dem Eintrag "Witwe Bernhard Zürndorfer" noch im Jahr 1931 im Adressbuch für Solingen-Ohligs aufgeführt, und zwar wohnhaft in der Düsseldorferstraße 34. Zu diesem Zeitpunkt hat sie also dort noch gewohnt. Ob sie später auch ausgewandert, ihrer Tochter gefolgt oder in Deutschland geblieben ist, bleibt unklar. Sie ist jedoch nicht unter den bisher erfasssten Opfern des Holocaust zu finden. Daher besteht die Möglichkeit, dass sie die Judenverfolgung zumindest körperlich unbeschadet überstanden hat.

Darüber hinaus bleiben weitere Fragen, vor allem zu Thea Zürndorfer und ihrem Leben vor und nach dem Abitur. Wieso besuchte sie die Königin-Luise-Schule, wenn die Familie in Ohligs wohnte? Das wäre immerhin auch heute noch eine erhebliche Entfernung für einen täglich zurückzulegenden Schulweg, und damals waren die Verkehrsbedingungen sicher nicht besser. Im Schuljahresbericht von 1927/28 wird aufgeführt, dass die überwiegende Zahl der Schülerinnen (699 von 760) aus Köln stammte. 46 allerdings (6%) waren sogenannte "Fahrschülerinnen", das heißt wohl, dass sie täglich von außerhalb zur Schule fuhren. Eine davon könnte Thea gewesen sein. 15 Schülerinnen (knapp 2%) waren sogar "in Pension", das heißt, sie kamen von außerhalb, wohnten aber, unter welchen Umständen auch immer, in Köln. Ob dies für Thea zutrifft, ist unbekannt; vielleicht wohnte sie auch bei Verwandten, obwohl in den Adressbüchern für Köln keine Zürndorfers aufgeführt sind.

Man dürfte angesichts ihres Geburtsdatums vermuten, dass sie mit 6 Jahren zum Schuljahresbeginn des Schuljahres 1915, also zu Ostern, eingeschult worden ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte das in der Nähe der elterlichen Wohnung gewesen sein. Nach 4 Jahren, also Ostern 1919, erfolgte der Wechsel auf die weiterführende Schule. Ob dies bereits die KLS war, ist unbekannt, angesichts der Entfernung aber auch eher fraglich. Vielleicht wechselte Thea, wie viele andere auch, doch erst zur Oberstufe, also am Ende der Untersekunda (10. Klasse) auf die KLS und machte dort dann Ostern 1928 nach insgesamt 13 Schuljahren mit 19 ihr Abitur.

Thea gehörte zu den zwei Prozent der Mädchen, die eine höhere Bildung bekamen, das legt nahe, dass sie aus einer eher wohlhabenden Familie stammt. Es gab zwar auch "Freiplätze", bei denen Bedürftigen das Schulgeld von immerhin 200 Reichsmark erlassen wurde; ihr Berufswunsch ( Zahnmedizin zu studieren) verweist aber doch eher auf akademische Eltern.

Des Weiteren bleibt offen, wie und warum sie nach England ausgewandert ist. Welche Gründe hatte sie für diesen, gerade für ein Mädchen ihrer Zeit, doch ungewöhnlichen Schritt? Kannte sie vielleicht ihren späteren Mann schon zu diesem Zeitpunkt? Oder war es der Wunsch ihrer Eltern, dass sie nach England geht?

Aus weiteren Quellen geht hervor, dass Thea und Isaac Schatz bis zu seinem Tod am 21. Mai 1962 im Alter von 69 Jahren drei Kinder bekommen haben: Stanley Bernard Shortt (* 1930), Ellis Shortt (* 1934) und Carole Zena Shortt (* 1936 und verstorben am 15. Januar 1985).

Beide Söhne sind verheiratet und haben je vier Kinder: Stanley Shortt hat zusammen mit seiner Frau Valerie Shevloff zwei Töchter und zwei Söhne (Naomi, Griffifth, Simon und Gareth Shortt) und Ellis und seine Frau Diana haben gemeinsam drei Töchter und einen Sohn (Janna, Lindy, Kate und Rupert Shortt).

Thea Zürndorfer starb am 15. Dezember 1991 im Alter von 83 Jahren an unbekanntem Ort.

Man merkt also, so wenig es auch ist, was wir wissen und so viele Fragen noch ungeklärt sind, wie viel ihr das Leben gegeben hat. Nicht nur das hohe Alter zeigt uns das, sondern auch die Geburt von Kindern und deren Kindern. Und dass sie all das miterleben konnte.

Ohne diese frühe Auswanderung wäre das alles nicht da, so wie bei vielen anderen, die nicht entkommen sind.

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