Eva Walker (geb. Alsberg)

Eva Walker (geb. Alsberg)

von Lennart Meyer

Noch heute können wir aktiv gegen die Verbrechen der Nationalsozialisten ankämpfen, indem wir ihr größtes Ziel vereiteln: Das Vergessen. Das Vergessen von über 6 Millionen unschuldigen Leben, die sie unter anderem während der Schoah genommen haben. Im Rahmen eines Projektkurses, möchten wir verhindern, dass eben dies unseren ehemaligen Schülerinnen geschieht: Wir möchten uns an so viel wie möglich von ihnen erinnern können, sie im Gedächtnis behalten und so unseren Teil zur Aufarbeitung unserer Schulgeschichte beitragen.

Eva Alsberg besuchte unsere Schule, damals noch eine reine Mädchenschule, die auch von jüdischen Mädchen vor allem aus nicht orthodoxen Familien besucht wurde, wahrscheinlich zwischen 1934 und 1937, bevor sie mit einem Kindertransport nach England floh und überlebte. Sie lebt noch heute mit 93 Jahren zusammen mit ihrer Familie auf Jamaica. Ihre Geschichte und die ihrer gesamten Familie möchte ich auf den nächsten Seiten darstellen.

Während meiner Recherchen hat mich Evas Familie immer mehr beeindruckt, genauso wie ihre Lebensgeschichte nach dem Krieg und die ihrer Brüder. Die Überlebenden der Familie haben für ihr neues Leben gekämpft und ihre Vergangenheit so gut wie möglich hinter sich gelassen. Zwar existieren keine verlässlichen Quellen über Emotionen oder Traumata einzelner Familienmitglieder oder deren Reaktionen auf die wachsende Diskriminierung nach 1933. Auf Mutmaßungen darüber möchte ich also grundsätzlich verzichten und darauf hinweisen, dass Emotionen, Traumata und Horror über die Situation natürlich auch in dieser Familie vorhanden gewesen sein müssen, auch wenn ich sie in dieser Arbeit nicht direkt ansprechen werde.

 

Kindheit bis 1933

Eva wurde am 12.07.1924 als Tochter des erfolgreichen Kaufmannes Alfred Alsberg (* 27.03.1883) und seiner Frau Martha Alsberg (geb. Eichengrün, * 29.02.1895) in Köln geboren. Mit ihren beiden Brüdern, ihren Eltern, (ihrer Nanny Louise Reinknecht) und dem Hund Ary lebte sie bis 1939 in einem großen Haus mit weitläufigem Garten in bester Gegend Kölns.

Die Familie um Evas Eltern, Eva selbst und ihre Brüder Fritz (* 26.08.1920) und Heinz (* 06.10.1921) waren bestens in die Gesellschaft integriert. In der Familie wurde der jüdische Glauben klein geschrieben, selbst an Feiertagen ging man nicht in die Synagoge und Alfred, der Offizier im Ersten Weltkrieg gewesen war und das Eisene Kreuz beider Klassen sowie das Verwundetenabzeichen trug, betrachtete sich mehr als deutsch denn als jüdisch.

Evas Brüder gingen beide auf die Kreuzgasse, wohingegen Eva die Königin-Luise-Schule besuchte. Fritz wurde Ostern 1930, Heinz Ostern 1931 und Eva wahrscheinlich Ostern 1934 eingeschult. Die KLS war damals eine reine Mädchenschule, auf die auch die Töchter vor allem liberaler jüdischer Familien geschickt wurden, das passt zur politischen und religiösen Einstellung der Familie. 

Die Familie Alsberg in Köln war gut integriert, hatte sowohl jüdische als auch nichtjüdische Bekannte und stand auch in gutem Kontakt zu ihren streng katholischen Nachbarn, die, als „ganz anti“ beschrieben, drei ihrer vier Söhne im Krieg verloren hatten. Von der Familie sind weiterhin viele Fotos überliefert, die wohl mit der eigenen Kamera gemacht wurden und die Familienmitglieder nicht selten umgeben von Freunden und Verwandten zeigen. Dies lässt auf den regen Austausch der Familie mit eben diesen schließen, sowie auf ein gutes Netzwerk an Freunden und Familie.

Der jüdische Glaube wurde in der Familie klein geschrieben, auch zu Feiertagen ging man nicht in die Synagoge, die Familie sah sich selbst als „Deutsche von zufällig jüdischer Religion“. „Es gab deutsche Staatsbürger von dieser Religion und von anderer Religion“, die Familie hat sich nie über ihre Religion, sondern als deutsche Staatsbürger identifiziert, der Kontakt zur Gemeinde bestand nur in der Bezahlung der Kirchensteuer.

Der Vater war wahrscheinlich liberal orientiert, er sprach bereits in den 30er Jahren von seiner Idee der Vereinigten Staaten von Europa. Außerdem wurde er Zeit seines Lebens von seinen Mitmenschen wegen seiner Fähigkeiten hoch geschätzt, zu seiner Zeit im Beruf wie später zu seiner Zeit im Ghetto Litzmannstadt. Seine Enkelin Barbara Walker, Eva Alsbergs Tochter, stellt sich ihn als starken, disziplinierten, kultivierten und hart arbeitenden Mann vor. Ihre Vorstellung von ihrer Großmutter Martha ist ähnlich: ebenfalls stark und kultiviert, jedoch auch sanftmütig und liebende Mutter für ihre drei Kinder.

Am Morsdorfer Hof 35
Am Morsdorfer Hof 35

Das Haus am Morsdorfer Hof 35 verfügte über viel Platz für die Familie und einen großen Garten, mit großer Terrasse, Rasenflächen, einem Pavillon und einem Obstgarten sowie einem kleinen Teich. Das Haus spiegelt in vielen Aspekten die Lebensweise der Alsbergs wieder: Es war groß, aber nicht übertrieben prunkvoll; der Garten war weitläufig und es war eines der ersten Häuser Kölns, das über eine Zentralheizung verfügte. Das passt deshalb so gut zur Familie, da sie sich als ausgesprochen fortschrittlich, modern und vor allem erfolgreich charakterisieren lässt, im sozialen wie ökonomischen Sinne, ohne dies übermäßig nach außen hin zu zeigen. In relativer Nähe zum Haus am Morsdorfer Hof, das der Familie gehörte, wohnten auch Evas Großeltern väterlicherseits: Siegfried Alsberg (* 1850) und seine Frau Emma (geb. Hess, * 29.11.1857), die ein ebenfalls großes Haus am Stadtwaldgürtel 43 besaßen.

Doch hatte das Leben der Familie auch wirklich prunkvolle Seiten, die jedoch ebenfalls nie zur Selbstdarstellung genutzt wurden. So besaß die Familie noch im Jahre 1939 21kg Haussilber und Schmuck im Wert von über 12.000 Reichsmark, ein Armband war mit allein 11.000 Reichsmark versichert. Auch ist von Eva und ihrer Großmutter bekannt, dass sie Pelzmäntel und weiteren Schmuck besaßen. Durch die Firma stand die Familie gut da: Der Urgroßvater Siegfried, der einer ähnlichen Tätigkeit wie Alfred nachging, versteuerte ein jährliches Einkommen von 1,5 Millionen Reichsmark. So kam es auch, dass Alfred, wann immer seine Frau Martha neue Kleider benötigte, Models ins Haus kommen ließ, um die Stücke zu präsentieren, damit sie sich die passenden aussuchen konnte. Evas Tochter Barbara Walker erinnert sich auch, dass ihre Mutter kein Kölsch sprechen konnte, in diesem Dialekt wurde im Hause Alsberg nie geredet, „eben feine Leute“.

Schon Evas Urgroßvater Salomon Alsberg ermöglichte seinen Kindern, in das Geschäft der Familie einzusteigen, und gründete für die Söhne und Schwiegersöhne der Familie Geschäfte in verschiedenen Städten des Landes. Hierbei ist zu beachten, dass er außer Siegfried noch 10 weitere Kinder hatte. Auch Siegfried und seine Frau Emma (geb. Hess), Evas Großmutter, „hatten […] das Bestreben, ihre zahlreichen Kinder gleichmäßig auszustatten“.

Eva ist so im gut behüteten Umfeld der Kaufmannsfamilie Alsberg aufgewachsen und hatte, soweit wir das wissen, wohl kaum weltliche Sorgen zu beklagen. Ihre liebende Mutter und ihr liberaler Vater müssen ihr in Verbindung mit der Selbstverständlichkeit des Betriebs und dem hohen Ansehen der Familie sowie der guten Integration in die Gesellschaft das Gefühl von Sicherheit gegeben haben, das ein Kind braucht. Für Eva ergaben sich in dieser Zeit wichtige Grundsätze: Stabilität, angemessenes Auftreten und der Wille, aus sich selbst und später aus ihren Kindern etwas zu machen.

Bis 1939

Erste große Veränderung

Die erste große Veränderung ab dem Jahr 1933 im Hause Alsberg war der schrittweise Verlust des gesamten Familienkonzerns bis Mitte der 30er Jahre. Schon im Jahre 1933 wurden mehrere Kaufhäuser wie das in Dresden, das seit den 20er Jahren bestand, arisiert. Im originalen Kaufvertrag heißt es: „Der Stammanteil der Firma Gebr. Alsberg in Dresden an 816.000 Reichsmark geht im Betrage von 786.000 Reichsmark in arische Hände über“. Auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch nicht von Arisierung gesprochen wurde, wurde die „politische Umstellung“ und der damit verbundene Boykott der jüdischen Geschäfte genutzt, um Familie Alsberg zum Verkauf zu zwingen. Alfred Alsberg sagte bei einer Besprechung mit der Deutschen Bank am 29.05.1933, „dass sich die Verhältnisse der Firma infolge der Boykottbewegung entscheidend verschlechtert haben, der Umsatz um 40% zurückgegangen [ist].“ Diese Verschlechterung muss die Familie zum Verkauf des Kaufhauses an Rudolf Ackermann, der seit 1930 NSDAP-Mitglied war, und Karl Rudolf Holtsch gezwungen haben. Mitte der 30er Jahre wurde auch die Firma Gebr. Fried & Alsberg GmbH arisiert und in die“ Kölnische Mode und Textilgroßhandlung“ umgewandelt. Hier war auch ein christlicher Schwiegersohn der Familie Fried involviert, der zum späteren Nutzen der Familie Alsberg das durchgehende Bestehen der Firma über den Krieg gesichert hat. Im Jahr 1935 wurde weiterhin der Ableger der Gebr. Alsberg AG in Bochum arisiert, wobei Alfred Alsberg jedoch zunächst noch weiterbeschäftigt wurde. Fritz Alsberg berichtet im Interview, dass die Arisierung der Gebr. Fried und Alsberg eher schleichend ablief: Er erläutert, die „Parteigenossen“ waren „alle sehr freundlich und sehr höflich ins Gesicht, was sie auf der anderen Seite gesagt haben, weiß man nicht. Aber mein Vater [Alfred Alsberg] hat immer behauptet, dass es anständige Leute sein sollten. Das kann ich mir aber nicht vorstellen [Der erwähnte Schwiegersohn der Familie Fried ist von dieser Aussage klar auszunehmen].“

Kaufhaus Kortum, ehemals Kaufhaus Alsberg, in Bochum
(Kaufhaus Kortum, ehemals Kaufhaus Alsberg, in Bochum;
http://www.baukunst-nrw.de/objekte/Kaufhaus-Kortum-mit-Umbau--2179.htm)

Am 04.06.1936 starb Siegfried Alsberg, Evas Großvater, im Alter von 86 Jahren eines natürlichen Todes, sein Grab befindet sich noch heute auf einem jüdischen Friedhof der Stadt Köln. Am 7. Juni erschienen in der Kölnischen Zeitung zwei Todesanzeigen für ihn, die erste aufgegeben von seiner Frau, die zweite aufgegeben vom damals bereits arisierten Konzern, der Kölnischen Mode- und Textilgroßhandlung. Dies könnte durchaus ein Zeichen des Bekannten der Familie sein, der auch nach der Arisierung in der Firma noch etwas zu sagen hatte.

Natürlich wurde auch das Sozialleben der Familie von der Diskriminierung stark beeinflusst, so spricht Fritz Alsberg davon, dass die Familie immer bescheidener, zurückgezogener und insgesamt ruhiger gelebt hat als zuvor, „[man] hat niemandem getraut, man wusste nicht, wem man was sagen darf.“ Weiterhin berichtet er von seinen Erfahrungen auf seiner Schule : „Unterricht war auch teilweise politisch beeinflusst und das war wohl unter Umständen schon mal ganz unschön“.

Eva

Auch Eva muss unter der Diskriminierung gelitten haben, jedoch kann die Situation nicht von Anfang an in ihrer Gesamtheit bei ihr angekommen sein, denn sie hat ihre Mutter während ihrer Zeit an der KLS wohl mehrmals darum gebeten, in den BDM eintreten zu dürfen; alle ihre Freundinnen waren in dieser Organisation und die Uniformen sahen toll aus. Von ihrer Mutter bekam sie auf diese Frage immer nur ein simples „Nein“ zur Antwort. Inwiefern man daraus auf die Stimmung in der KLS schließen kann, oder ob dieser Wunsch nur durch das Verlangen eines jungen Mädchens, das dazugehören wollte und die ganze Situation noch nicht recht durchschauen konnte, zurückzuführen ist, bleibt jedoch fraglich. Natürlich wäre eine Mitgliedschaft im BDM auch gar nicht möglich gewesen, denn jüdische Kinder waren "selbstverständlich" ausgeschlossen. Aber es gibt auch andere Beispiele dafür, dass Kinder aus jüdischen Familien unbedingt in die NS-Jugendorganisationen eintreten wollten, so wie ihre Freunde und alle anderen (z.B. der Sohn von Alice Tuteur, ebenfalls eine Schülerin der KLS) - ohne zu verstehen, dass dies und warum dies nicht möglich war.

Interessant ist auch, dass Eva zu diesem Zeitpunkt noch Freundinnen hatte, die in den BDM eintreten durften, also "arisch" waren. Dies spricht eher für einen frühen Zeitpunkt, denn wie wir auch von anderen Fällen wissen (z.B. Dorothee Isaac), sorgten die Umstände bald dafür, dass sich die ehemaligen Freunde und Freundinnen oftmals abwandten und jüdische Kinder auch in der Schule zunehmend isoliert wurden.

Eva ist uns über eine Zeugnisliste aus dem Schuljahr 1936/1937 in der Klasse IV b bezeugt - in derselben Klasse befanden sich auch Elsie Berg, Ellen Süßkind und Doritta Sternschuß, also insgesamt vier Mädchen "israelitischen" Glaubens. Demnach muss Eva im Jahr 1934 an der Schule angenommen worden sein. Besucht hat sie die KLS bis mindestens Ostern 1938, denn zu diesem Zeitpunkt wurde sie in die Obertertia (die 9. Klasse) versetzt - mit guten Noten und durchweg positiven Bemerkungen ihrer Lehrer auf der Zeugniskonferenz.

Im Verlauf des Jahres 1938 hat sie die KLS dann verlassen. Unbekannt ist, ob dies schon früher erfolgte oder erst durch den "Erlass zum Schulunterricht an Juden" vom 15.11.1938, durch den allen "Voll- und Geltungsjuden der Besuch deutscher Schulen" verboten wurde. Bis zu ihrer Flucht besuchte sie die jüdische Schule Jawne, die in direkter Nachbarschaft der KLS gelegen war. Sie floh am 01.04.1939 vom Kölner Hauptbahnhof nach Holland, wo sie zuerst in ein Kinderheim kam, in das auch Freunde der Familie gekommen waren. Während des Transports musste sie Wertgegenstände (ihren Pelzmantel) abgeben und auf die verwirrten jüngeren Kinder aufpassen. Nachdem ihr Bruder Fritz ebenfalls hatte auswandern können, alarmierte er die jüdische Organisation B'nai B'rith bzw. das Jewish Commitee, um Eva nach London nachzuholen. Dies rettete wahrscheinlich ihr Leben, da der Großteil der anderen Kinder nach der deutschen Besetzung der Niederlande in den Osten deportiert wurde.

Fritz und Heinz

Fritz begann im Jahr 1937 ein Volontariat und arbeitete daraufhin 1 Jahr lang in Berlin, bevor er floh. Heinz folgte Eva nach Großbritannien, als letzter kam Fritz.

Familie

Laut Fritz Alsberg war die Auswanderung für ihn und seinen Bruder relativ einfach zu bewerkstelligen, da sie weder Steuer- noch Strafsachen zu regeln hatten. Für die Eltern und Großeltern war dies jedoch kaum möglich, wodurch diese in Deutschland bleiben mussten. Im Interview erzählt Fritz noch von den Bemühungen seiner Tante, die Auswanderung zu ermöglichen, dies war jedoch vor Kriegsbeginn nicht mehr umzusetzen.

Nach 1939

Eva, Heinz, Fritz

Nachdem alle Kinder auf verschiedenen Wegen nach London emigriert waren, blieben sie dort erst einmal zusammen. Es existieren einige Fotos aus dieser Zeit, die vermuten lassen, dass die Kinder nach vorne geblickt haben und sich von der neuen Situation nicht haben unterkriegen lassen. Darüber hinaus war auch Herta Frankenstein (geb. Stiel), die erwachsene Tochter von Martha Stiel, einer von Alfreds Schwestern, mit ihren Kindern dort. Weiterhin bestand in der Anfangszeit des Krieges noch spärlicher Kontakt per Post, die über Schweden geschickt wurde, aus dem die Kinder jedoch nicht viel über die Situation in Deutschland entnehmen konnten, da die Post zensiert wurde.

Eva

Wie es Eva während ihrer Zeit in Holland und später in England erging, ist fraglich, sicher ist, dass sie unter ähnlichen Ängsten und Sorgen wie andere Kinder in ihrem Alter, die ähnliches erlebten, gelitten haben wird.

Noch in den 40er Jahren lernte Eva beim Feiern mit einer Freundin im Internationalen Club der Stadt Manchester Herbert S. Walker kennen, ihren zukünftigen Ehemann, einen jamaikanischen Studenten, der erst in Toronto und zu diesem Zeitpunkt in Manchester studierte. Sie heirateten im Jahre 1950, gingen zusammen zurück nach Jamaika, wo 1954 ihre Tochter Barbara Walker geboren wurde. Eva und Herbert Walker waren bis zu seinem Tod am 28.08.2017 für 67 Jahre verheiratet. Eine ihrer gemeinsamen Töchter, Barbara, erinnert sich: „Sie waren gegenseitig die Liebe ihres Lebens“. Herbert S. Walker war erfolgreicher Diplomat, wodurch auch die Familie ihm in immer andere Länder folgte. Er war zwischen 1972 und 1977 Botschafter Jamaikas in Genf und ab 1981 High Commissioner in Großbritannien. Obwohl er schon in Rente hätte gehen können, es aber nach einigen Monaten nicht mehr aushielt, wie Evas Bruder Fritz berichtet, war er ab 1989 Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York. In den Jahren dazwischen lebte er mit seiner Familie immer wieder auf Jamaika.

Die Familie Walker wuchs stetig und besteht heute aus Eva, zwei Töchtern und Evas Enkelin Emma, die nach ihrer Großmutter benannt wurde, die die Schoah nicht überlebt hat und in Theresienstadt ermordet wurde. Die erste Tochter Barbara lebt heute wieder, zusammen mit ihrer Mutter, auf Jamaika und betreibt dort ein ökologisches Hotel, nachdem sie zwischenzeitlich für mehrere Jahre in Köln gelebt hatte.

Evas Tochter Barbara Walker berichtet, dass ihre Mutter, die sie als sehr willensstark beschreibt ( „a will of iron, a will of a survivor“), sich mit aller Kraft ein neues Leben geschaffen hat und ihr altes Leben, so gut sie konnte, hinter sich gelassen hat. Natürlich hat auch oder besonders eine so starke Persönlichkeit, die aus solch grausamen Umständen erwachsen ist, mit der Traumatisierung durch das Geschehen zu kämpfen, da bildet auch Eva Walker keine Ausnahme. Sie gehört jedoch zu denjenigen, die über ihr Trauma nie, weder mit ihrer Familie, noch mit anderen Menschen, gesprochen haben. Dass auch sie traumatisiert war und sicherlich noch ist, scheint offensichtlich, jedoch hat sie diese Traumatisierung wohl offensichtlich ins Gute umgesetzt, weshalb ich in dieser Arbeit auf Mutmaßungen darüber verzichten möchte. Wir möchten Eva Walker als den Menschen in Erinnerung behalten, der sie war, und nicht nur als Opfer der Nationalsozialisten:
Eva Walker wurde mir von ihrer Tochter als äußerst starke Persönlichkeit beschrieben, die ihren Kindern die Stabilität vermitteln konnte, die sie selbst nach 1933 nicht mehr hatte. Ihre Tochter Barbara ist begeistert von der so lange andauernden Ehe ihrer Eltern, die 67 Jahre bis zum Tod ihres Vaters hielt. Sie berichtet weiter, wie ihre Mutter ihr immer bei den Hausaufgaben geholfen hat, obwohl sie selbst, nachdem sie 14 wurde, nie wieder zur Schule gegangen ist. Ihre Mutter habe sich alles selbst beigebracht, vom Verwalten der Finanzen der Familie bis zu handwerklichen Aufgaben.
Evas Tochter Barbara erzählt weiter: “She was a really good driver – there is the story that on one of her first visits to Jamaica back in the Fifties she and Dad had been picked up by his mother and brother and they were driving to the very rural village from where my father came. It was raining and dark and the car shut off. So they put Mum behind the wheel and Dad, Uncle and Grandma got out to push start the car. They were successful and because they did not want to risk the car shutting down again let Mum continue driving – in the rain and dark on strange, narrow, curvy, potholed probably unpaved roads. The next day it is said that the whole village came to see this ‘wonder woman’ from Europe!”

Im Leben der Familie Walker gab es jedoch auch durchaus deutsche Einflüsse, die aus Evas Kindheit zu stammen scheinen. Eva war eine sehr gute Köchin, wie ihre Tochter berichtet, und die Küche der Familie war immer von deutschen Einflüssen geprägt. Außerdem spielte ihre Mutter Barbara und ihrer Schwester immer viel klassische Musik vor: Mozart, Beethoven und auch deutsche Kinderlieder.

Eva Walker besaß darüber hinaus ein außerordentliches Organisationstalent: Offizielle Partys und Dinner, die ihr Mann wegen seiner Diplomatentätigkeit gab, waren immer bis zur Perfektion geplant.

Fred (Fritz) und Henry (Heinz)

Fritz und Heinz Alsberg, die heute Fred und Henry heißen, wurden nach Kriegsbeginn beide auf Grund ihrer deutschen Herkunft interniert. Fred verbrachte diese Zeit auf der Isle of Man, wo es nach seiner Aussage zwar nicht besonders schön, aber sicherer als in anderen Städten war. Henry wurde nach seiner Internierung in London nach Kanada gebracht.
Fred arbeitete in Großbritannien zuerst in einer Färberei, in der kriegsbedingt nur Khaki gefärbt wurde und bei der er bis 1947 arbeiten musste, da die Arbeitskräfte auf Grund des Krieges kontrolliert waren. Dann hat er angefangen, bei der ICI, der Imperial Chemical Industry, zu arbeiten, hat sich dort hochgearbeitet, nebenbei in Abendkursen studiert und ist letztendlich für 30 Jahre dort geblieben. Im Rahmen seiner dortigen Tätigkeit war er auch wiederholt in Deutschland, um sein Unternehmen auf Messen zu vertreten, weiterhin besuchte er Köln, um dem NS-Dokumentationszentrum zahlreiche Informationen bereitzustellen. Dauerhaft ist Fred in Manchester wohnhaft geblieben und hat dort Reabie Hodgson geheiratet. Im Jahr 2009 ist Fred Alsberg im Alter von 89 Jahren verstorben.

Zu seinem Charakter möchte ich noch anmerken, dass er sehr bescheiden, stolz in der positivsten Weise und wie jemand wirkt, der viel davon hält, sich aus eigener Kraft hochzuarbeiten und aus eigener Kraft etwas zu erreichen. Er rechnet dies anderen hoch an und ist auch bei sich selbst sehr stolz darauf. Laut eigener Aussage habe er mit Hilfe anderer Eva aus Holland nachgeholt, er sprach von „wir“, laut Evas Tochter Barbara war es aber vor allem er selbst. Er war es auch, der die Wiedergutmachungsprozesse angestoßen hat, um jedoch offensichtlich nicht nur sich, sondern seiner gesamten verbliebenen Familie Gutes zu tun.

Henry wurde nach seiner Internierung nach Kanada geschickt, wo er nach zwei Jahren einen reichen Mann fand, der ihm das Studium der Chemie ermöglicht hat. Nach dem Studium ist er in die USA gegangen, hat sich in Chicago niedergelassen, geheiratet und zwei Kinder und einen Enkel bekommen.

Alfred und Martha

Die Abmeldung aus dem Eigentumshaus am Morsdorfer Hof erfolgte noch im Jahre 1938, woraufhin Alfred und Martha zuerst zu Emma Alsberg, Evas Großmutter, zogen. Auch auf das Jahr 1938 datiert ist die Anmeldung in zwei zwangsweise zugewiesenen Zimmern in der Spichernstraße 43, wo die Eheleute bis zu ihrer Deportation am 22.10.1941 wohnhaft waren.

Eingang zum Ghetto Litzmannstadt

Eingang zum Ghetto Litzmannstadt

Alfred und Martha wurden ins Ghetto Litzmannstadt deportiert, wo sie mit 10 Personen in einem Zimmer in der Sulzfelderstraße 40 Wohnung Nr. 58 lebten. Alfred war in seiner Zeit dort stellvertretender Leiter des Kollektivs Köln I und setzte sich als solcher für die Aufrechterhaltung von Normalität und für ein auf Regeln basierendes Miteinander ein.

Ghetto Litzmannstadt, Brücke zwischen den beiden Ghettoteilen, Hohensteiner Straße Ecke Sulzfelder Straße

 

Ghetto Litzmannstadt, Brücke zwischen den beiden Ghettoteilen

Ghetto Litzmannstadt, Brücke zwischen den beiden Ghettoteilen, Hohensteiner Straße Ecke Sulzfelder Straße

In einem Brief an Dr. Oppenheim vom 09.12.1941, per Ghettopost geschickt, schreibt Martha, es ginge ihr und ihrem Mann „ganz leidlich“, sie lebten jedoch zum Glück mit ihren Freunden zusammen. Sie fordert ihn auch auf, eine unbekannte dritte Person zu kontaktieren, wahrscheinlich Frau Herta Frankenstein, die zu diesem Zeitpunkt bei den Kindern in London war.

Ghetto Litzmannstadt, Sulzfelder Straße

Ghetto Litzmannstadt, Sulzfelder Straße

Am 14.11.1943 starb Alfred im Ghetto Litzmannstadt an Hunger, die in den Listen des Ghettos eingetragene Todesusache ist ein Herzstillstand Seine Frau Martha wurde am 26. Juni des darauffolgenden Jahres ins Vernichtungslager Kulmhof gebracht und dort noch im gleichen Monat ermordet.

Emma

Evas Großmutter Emma wurde am 15.06.1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und starb dort noch am 01.12 des gleichen Jahres. Über sie ist aus dieser Zeit wenig bekannt, nur, dass sie, zum Zeitpunkt der Deportation und später im Ghetto, geistig noch außerordentlich frisch und regsam gewesen sein muss, wie Frau Ines Kuhn, die zum gleichen Zeitpunkt in Theresienstadt war und überlebt hat, nach dem Krieg berichtet.

Alfreds Brüder und Schwestern

Alfred hatte einen Bruder und vier Schwestern, von denen nur eine mit Sicherheit die Schoah überlebt hat, jedoch hatte jede seiner Schwestern Kinder, die den Holocaust überlebt und teilweise wiederum Kinder haben, die noch heute am Leben sind.

„Wiedergutmachung“

Im Jahre 1949 fand die erste „Wiedergutmachung“ statt, die aus privaten Verträgen mit dem damaligen Eigentümer der arisierten Firma der Familie bestand. Dies war finanziell für die Familie laut Aussage von Fred Alsberg sehr günstig und konnte auf Grund eines christlichen Freundes der Familie, der die Firma Alsberg über den Krieg gerettet hatte, ohne größere Probleme geregelt werden. Im Jahr 1960 stellte Fred Alsberg einen Antrag auf Rückerstattung bei der deutschen Regierung, durch den im Jahr 1961 auch Rückerstattung für einige verloren gegangene Werte der Familie stattgefunden hat. Wie hoch diese „Wiedergutmachungen“ waren und ob sie angemessen waren oder nicht, soll und muss an dieser Stelle unkommentiert bleiben; ob finanzielle Wiedergutmachung jedoch jemals entschädigen kann für die Schrecken, die die Kinder der Familie durchleben mussten, bleibt sehr fraglich. Vor allem, wenn die Entschädigung der Regierung einzig auf nachweisbaren materiellen Werten beruht. 

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