Wer war Richard Berg? Bericht über einen Archivbesuch

Wer war Richard Berg? Bericht über einen Archivbesuch

Im Projektkurs Geschichte erforschen wir die Lebensgeschichten ehemaliger jüdischer Schülerinnen der KLS. Ziel ist es, Stolpersteine auf dem Schulgelände verlegen zu lassen, um so die Erinnerung an sie zu bewahren.

"Meine" Schülerin hieß Elsie Berg (* 1923), und nach anfänglichen Schwierigkeiten fand ich immer mehr Informationen zu ihr und auch ihrer Familie, so dass ich einen richtigen Stammbaum erstellen konnte. Dazu hatte ich schon viele Datenbanken durchsucht (z.B.Joodsmonument, MyAncestry, Yad Vashem Central Database ...) - aber man kann immer noch neue Wege finden.

Herr Erkelenz hatte uns den Tipp gegeben, noch einmal zum NS-Dokumentationszentrum im EL-DE- Haus zu gehen. Manchmal gibt es dort noch neue Informationen. In den Herbstferien bin ich also dahin, habe eine paar informative und nette Stunden dort verbracht und einiges Neue herausgefunden. Da es in meinem Stammbaum immer noch diese eine Person (Richard Berg) gab, die ich nicht zuordnen konnte, die aber nach dem Krieg die Besitztümer der Familie Berg bekam, fragte ich auch nach ihm. Leider konnte man mir im EL-DE-Haus da nicht weiterhelfen.

Ich bekam allerdings den Hinweis auf das "Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen" in Berlin. Dort liegen die Akten aus den "Rückerstattungsprozessen", in denen Überlebende oder Angehörige nach dem Krieg ihre von den Nazis geraubten Besitztümer zurückbekommen konnten. Ich bekam die Kontaktdaten einer Frau Bach, die mir nach einigen ausgetauschten Emails zwei Akten von insgesamt 188 Seiten zuschickte. (Nein, ich habe sie bis jetzt noch nicht alle durchgeschaut.)

Außerdem verwies sie mich auf die Bundeszentralkartei in Düsseldorf. Dort hatte man auch Akten zu der Familie Berg. Weil es sich aber um zwei sehr dicke Ordner handelte, konnten sie nicht eingescannt werden, sondern ich konnte sie mir nur vor Ort ansehen.

Also machte ich mich Montags nach der vierten Stunde auf den Weg nach Düsseldorf. Nach einer Stunde Bahnfahrt stand ich im Regen in Düsseldorf und habe das Gebäude nicht gefunden. Merke: Guckt euch vorher den Weg sehr genau an oder ladet zumindest euer Handy vorher auf... Durch Rumfragen kam ich dann nach 20 Minuten im Regen an und wurde an die Rezeption in den zweiten Stock geschickt.

Die Mitarbeiter des Dezernats 15 waren sehr freundlich, fragten mich ein bisschen über unseren Projektkurs aus, boten mir Kekse und Kaffee an und gaben mir zwei gut gefüllte Mappen mit Dokumenten.

Die konnte ich durchsehen und mir alle Seiten aussuchen, die für mich interessant waren. Selbst Kopien machen kann man aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht, aber man kann sie "bestellen". Sie werden dann von Mitarbeiter*innen gemacht und an eine Kontaktperson der Schule aka Herrn Erkelenz geschickt.

Eine Stunde später gab ich die Akten zurück, mit Post-its an allen Blättern, die ich brauchte, plauderte noch kurz und macht mich dann zurück auf den Weg nach Köln. (Der direkte Weg zurück zur Bahnstation dauerte knapp 5min.)

Zwei Wochen später kam dann die Mappe mit Kopien aller für mich wichtigen Dokumente im Sekretariat an und ich konnte abends mit dem Auswerten und Umschreiben meiner Projektarbeit beginnen.

Also: Was habe ich nun über Richard Berg herausgefunden? Nichts. Ich habe immer noch keinen blassen Schimmer, wie er in diese Familie passen soll.

Aber ich habe andere wichtige Fragen klären können: Bisher hatte ich viele Informationen gefunden für die Zeit von Elsies Geburt bis zur Flucht der Familie in die Niederlande Anfang 1939. Für die Zeit danach war mein Blatt jedoch noch weiß. Nun aber kann ich die Wege der Mutter, der Schwester Lilli, der Großeltern, der Tante Diana sowie deren zwei Kinder und Mann rekonstruieren für die 4,5 Jahre, die sie bis zu ihrer Ermordung in den Niederlanden verbracht haben.

Außerdem weiß ich, was mit den Besitztümern der wohlhabenden Bergs geschehen ist, und konnte den Kontakt der einzigen Überlebenden Lilli und Diana ein bisschen mitverfolgen.

Diese Erforschung von Elsies Lebensweg war sehr anstrengend und zeitäufwändig, nicht nur der Archivbesuch - aber außerordentlich spannend, interessant. Es ist ein tolles Gefühl eigenständige Forschung zu leisten und zur Abwechslung mal das Gefühl zu haben, dass die eigene Arbeit eine (über die eigene Note hinausgehende) Bedeutung hat. Die Arbeit für den Projektkurs hat mich so fasziniert, dass ich – ungelogen – Samstagsabends bis spät in die Nacht gearbeitet habe, nur weil ich so davon gefesselt war.

Ich habe aus diesem Projektkurs viel mehr mitgenommen als nur eine Note. Ich kann deshalb allen nur raten, die sich für Geschichte interessieren (man lernt so viel mehr als im normalen Geschichtsunterricht) den Projektkurs zu wählen!!!

P. Reimers

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Archiv "Aus dem Schulleben"

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