Historisches

Geschichte der Königin-Luise-Schule

 

Im Verlauf des 19. Jh.s begann sich allmählich der Gedanke durchzusetzen, dass eine höhere Schulbildung auch für Mädchen zwar nicht unbedingt notwendig, aber vielleicht doch nicht völlig sinnlos sein könnte. So wurde im Jahr 1871 auch in Köln die erste städtische weiterführende Mädchenschule eingerichtet; 1876 bezog man einen repräsentativen "Neubau" in der St. Apern-Straße, der bis zur völligen Zerstörung im 2. Weltkrieg dauerhaft genutzt wurde.

Einen richtigen Namen trug die Schule noch nicht, sie war eben die (einzige) "Städtische Höhere Töchterschule in der St. Apern-Straße". Erst als 1907 eine zweite städtische Mädchenschule eingerichtet wurde, brauchte es einen Namen. So wurde die neue Schule nach der Großmutter des regierenden Kaisers "Kaiserin Augusta" benannt, die ältere nach der legendären preußischen Monarchin "Königin Luise", deren 100. Todestag kurz bevor stand (1910). Zur feierlichen "Taufe" erhielt die Schule vom Kaiser persönlich ein Geschenk, und zwar ein Bild der Namenspatronin, dessen Kopie heute noch vor dem Lehrerzimmer hängt.

Die Geschichte der KLS im Kaiserreich war vor allem geprägt durch einen stetigen Ausbau der Bildungsgänge. Das Oberlyzeum (Mädchengymnasium) wurde nach und nach auf neun Jahre erweitert, von der Sexta (Klasse 5) bis zur Oberprima (Klasse 13), dazu kamen zeitweise noch einige Elementarklassen und sogar ein Kindergarten, an den Abiturjahrgang schloss sich bis in die 20er Jahre ein dreijähriges Lehrerinnenseminar an. Die Zahl der Schülerinnen stieg von 34 im ersten Jahr auf zwischenzeitlich über 1100, bis sie sich schließlich mit etwa 750 Schülerinnen ungefähr auf dem heutigen Stand einpendelte.

Ihnen sollte allerdings keineswegs eine gleichwertige Bildung vermittelt und eine Berufstätigkeit in Selbstverwirklichung ermöglicht werden. Vielmehr sollten die Mädchen "entsprechend ihrer Natur herangebildet werden, vor allem nämlich zur Tochter, die der Schmuck des Hauses und Stütze der Mutter, dann die tüchtige Hausfrau und gute und kluge Mutter ihrer Kinder werden soll". Nur für den großen Ausnahmefall, dass sie unverheiratet blieben, sollten sie "eine angemessene Tätigkeit anzustreben vermögen (1870)". "Angemessen" bedeutete über lange Zeit fast ausschließlich, selbst Lehrerin zu werden, dies aber auch nur an Grund-, Volks- oder Mädchenschulen.

Erst in der Weimarer Republik hatten sich die beruflichen Möglichkeiten so erweitert, dass Mädchen mit dem Abitur auch die Zulassung zu allen Universitätsstudiengängen erhielten; tatsächlich wuchs die Zahl der Studentinnen aber nur allmählich, denn das neue Rollenverständnis setzte sich nur langsam durch.

Mit der Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 fanden diese und andere Freiheiten aber ein jähes Ende. Für den Nationalsozialismus war vor allem die Jugend der Schlüssel zur dauerhaften Sicherung der Herrschaft. Die Schulen gehörten deshalb zu den ersten öffentlichen Einrichtungen, die "gleichgeschaltet" wurden.  So geschah es auch an der KLS: neue Unterrichtsfächer wie "Rassenkunde", neue Unterrichtsinhalte in den klassischen Fächern, Bund Deutscher Mädel und NS-Lehrerbund, NS-Feste und Propagandaveranstaltungen trugen die neue Ideologie immer stärker in die Schule hinein. Manche folgten aus Überzeugung, andere aus Zwang; wer sich widersetzte - ob Lehrer oder Schüler - riskierte seine Laufbahn oder … mehr.

Dies galt vor allem für die jüdischen Schülerinnen. Die KLS galt als liberale Schule, und vor 1933 hatte sie einen vergleichsweise hohen Anteil jüdischer Schülerinnen. Gegen sie richtete das Regime von Beginn an die schärfste Verfolgung, sie wurden nach 1933 durch immer stärkeren Druck aus der Schule gedrängt und wechselten vor allem auf die Jawne, das jüdische Realgymnasium in unmittelbarer Nachbarschaft.

 

1942 wurde auch diese Schule geschlossen, und wer bis dahin das Land nicht hatte verlassen können, wurde schließlich in die Vernichtungslager im Osten deportiert. Auf dem Erich-Klibansky-Platz an der Helenenstraße, auf dem ehemaligen Schulhof der Jawne, steht heute ein Mahnmal, der Löwenbrunnen. Auf ihm finden sich die  Namen der 1100 jüdischen Kinder und Jugendlichen, die deportiert und ermordet wurden - darunter auch ehemalige Schülerinnen der KLS.

Das Gebäude der Jawne nutzte nun die KLS. Allerdings wurden ab 1942 auch hier die Auswirkungen des Bombenkrieges immer stärker spürbar. Die Schule wurde mehrfach beschädigt, der Unterricht immer stärker eingeschränkt. 1943 schließlich wurde das Gebäude durch Bombentrefffer vollständig zerstört. Um die Schülerinnen zu schützen, wurde die gesamte Schule im Sommer 1944 nach Bansin auf der Insel Usedom verlegt, wo der Schulbetrieb zunächst weiterging. Kurz vor Ende des Krieges gelang im März 1945 zunächst die Flucht vor der Roten Armee nach Kellenhusen in Holstein, im Juni 1945 dann die Rückkehr nach Köln, beides unter abenteuerlichen Umständen.

Die Stadt war durch den Bombenkrieg fast völlig zerstört worden, Alltags- und Schulleben fanden unter rudimentärsten Bedingungen statt. Dennoch wurde der Unterricht unmittelbar wieder aufgenommen, und bereits 1946 gab es den ersten Abiturjahrgang der Nachkriegszeit.
Das alte Schulgebäude und die gesamte Umgebung waren allerdings so sehr zerstört, dass man auf einen Wiederaufbau verzichten musste, gelernt wurde zunächst in einem Notgebäude in der Nussbaumer Straße in Ehrenfeld. Pläne für einen Neubau der KLS wurden schon bald geschmiedet, die Umsetzung gestaltete sich aber sehr schwierig. Zunächst gab es langwierige Rechtsstreitigkeiten um den Baugrund, dann stellte es den Architekten vor eine große Herausforderung, der Schule eine Form zu geben, die sich in die vom Krieg gerissenen Bombenlücken einfügte und gleichzeitig den verfügbaren Raum optimal nutzte. So dauerte es bis zum 04. September 1959, bis das brandneue Schulgebäude in der Alten Wallgasse 10 bezogen werden konnte, in dem wir uns heute noch befinden.

Nach Wiederaufbau und Wirtschaftswunder in den 50er und 60er Jahren geriet die KLS dann wieder heftig in Bewegung - die "wilden 70er" brachten eine Revolution nach der anderen: Rockrevolution und Sexuelle Revolution, FlowerPower und Frauenbewegung, Studentenproteste und Friedensbewegung blieben nicht ohne Auswirkungen auf den Schulalltag. In einem Modellversuch unternahm die KLS als Speerspitze der Reformbewegung als erste Kölner Schule die Umsetzung der Oberstufenreform. Und schließlich geschah etwas ganz Unerhörtes und man sah plötzlich etwas, das es an der KLS noch nie gegeben hatte: Jungen! Mit der Aufnahme der ersten Schüler in die Klassen 5 und 11 begann die Koedukation, der gemeinsame Unterricht von Mädchen und Jungen, der für uns heute selbstverständlich ist.
In den 90ern gab es noch einmal große Aufregung. Ursprünglich befanden sich die Turnhallen und die Aula auf dem hinteren Teil des heutigen Lehrerparkplatzes an der Albertusstraße. Sie wurden nun abgerissen. Mit dem Neubau der Turnhallen an der Alten Wallgasse und der Einweihung des Pädagogischen Zentrums 1996 fand die Schule endgültig ihre heutige Form.

Blickt man nun zurück auf beinahe 150 Jahre Schulgeschichte, so sieht man Vieles, das aus heutiger Perspektive nicht besonders erfreulich wirkt: Die KLS war lange Zeit eine Schule für Wohlhabende, sie vertrat ein chauvinistisches Frauenbild, sie erzog zu Nationalismus, Autoritätshörigkeit, phasenweise sogar zu Rassismus.
Allerdings muss man die Dinge immer aus ihrer Zeit heraus verstehen und beurteilen. Von Beginn an ermöglichte die KLS als Alternative zu den teuren Privatschulen breiteren Schichten den Zugang zu höherer Bildung. Ebenso bot sie von Beginn an Mädchen die Möglichkeit zu einer selbstbestimmten Existenz; damit war sie ein wichtiger Baustein auf dem langen Weg zur völligen Gleichberechtigung der Frau. Vor allem ein Zug scheint aber durch ihre ganze Geschichte hin kennzeichnend für die KLS gewesen zu sein: Im Vergleich zu den vorherrschenden Auffassungen in Staat und Gesellschaft galt sie immer als "liberal", als offen, freiheitlich und tolerant. Diesen Zug bestätigen Aussagen von Zeitzeugen vom Kaiserreich bis in die Gegenwart und sogar für die Zeit des Nationalsozialismus (was auch immer das unter diesen Umständen geheißen haben mag).
"Stolz" zu sein auf solche historischen Entwicklungen ist eine problematische Sache, denn wir haben nichts dazu beigetragen, und stolz kann man streng genommen nur auf eigene Leistungen sein. Vielleicht sollte man eher sagen: Man kann sich darüber freuen und es wertschätzen. Oder noch besser: Man kann diese liberale, diese offene, tolerante, freiheitliche Haltung als Maßstab und als Vorbild für sein eigenes Handeln nehmen. Das wäre etwas, worauf man in der Tat stolz sein könnte.
Eine Beschäftigung mit der Geschichte, auch mit ihren negativen Seiten, sollte aber vor allem auch Folgendes leisten: im Vergleich mit der Vergangenheit das Positive der eigenen Gegenwart wahrzunehmen und wertzuschätzen. Schülerinnen und Schüler aus mehr als einem Dutzend Herkunftsländern und aus allen großen Religionen leben und lernen heute friedlich und gleichberechtigt unter einem Dach. Jeder hat den gleichen Zugang zu Bildung, nicht mehr Herkunft und Besitz entscheiden über die Chancen, sondern die eigenen Fähigkeiten und Interessen. Die Rechte des Einzelnen stehen im Vordergrund, und sie finden ihre Grenze nur da, wo die Rechte des anderen beginnen. Bildung und Erziehung dienen nun nur einem Zweck: den Schülerinnen und Schülern ein selbstbewusstes und selbstbestimmtes Leben in sozialer Verantwortung zu ermöglichen.
Man könnte fast sagen: Wir befinden uns gerade in der besten KLS aller Zeiten. Das mag zwar pathetisch klingen, aber es trifft zu. Und dies kann man sich durchaus auch einmal bewusst machen.

Diese Seite kann und soll nur einen groben Überblick bieten, die volle Geschichte der Königin-Luise-Schule ist natürlich sehr viel umfangreicher, detailreicher und interessanter. Sie liegt aber nicht offen zu Tage, sondern muss vielmehr erforscht, aus Dokumenten und Zeitzeugenberichten rekonstruiert werden. Diese Arbeit können die Schülerinnen und Schüler selbst leisten, und sie hat auch schon begonnen. Der Projektkurs Geschichte des Abiturjahrganges 2016 hat sich die düsterste und für die historische Forschung schwierigste Zeit zum Ziel gesetzt: die Geschichte der KLS im Nationalsozialismus. Die Ergebnisse werden bald auf dieser Seite verfügbar sein.
Es wäre sehr schön und sehr wichtig, dass sich weitere Projekte anschließen würden, im Projektkurs, im Zusatzkurs, in Grund- und Leistungskursen, vielleicht auch in einer Geschichte-AG. Denn es gibt noch so viele Fragen zu beantworten. Wie war das, als die Schule elektrisches Licht bekam - und wie war es vorher? Was ist eine "Mädchen-Flotten-Fahrt"? Wie geht Unterricht in einer Schule ohne Wasser und Strom, ohne Fenster und Dach? Wie war das, als Mädchen keine Hosen tragen durften und Lippenstift verboten war?

Ez